Propionsäure kann den Verlauf der Multiplen Sklerose beeinflussen

 

Fettsäuren in der Nahrung haben einen Einfluss auf Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose.

 

Seit über 100 Jahren schützen die Salze der Propionsäure Lebensmittel vor Schimmelpilzen. Jetzt haben deutsche Wissenschaftler eine ganz neue Wirkung dieser kurzkettigen Fettsäure entdeckt: Bei der Behandlung von bisher nur schwer therapierbaren Krankheiten, wie Multiple Sklerose, Schuppenflechte oder Rheuma.

In einer Studie der Neurologischen Kliniken der Ruhr-Universität Bochum (St. Josef-Hospital) mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen fanden Wissenschaftler heraus, dass langkettige Fettsäuren die Entstehung und Vermehrung von entzündlichen Zellen in der Darmwand fördern. Im Gegensatz dazu führen kurzkettige Fettsäuren (wie Propionsäure) zur Entstehung und Verbreitung von regulatorischen Zellen des Immunsystems. Ihre Ergebnisse veröffentlichten Prof. Dr. med. Aiden Haghikia und Prof. Dr. med. Ralf Linker in der renommierten Zeitschrift „Immunity“.

Propionate könnten nach den neuesten Forschungsergebnissen in der Lage sein, das etwa bei Autoimmunerkrankungen oder Allergien übersteuerte Immunsystem herunter zu regulieren, also ein chronisch erhöhtes Entzündungslevel zu normalisieren, hofft Professor Dr. Norbert Brockmeyer, der als Direktor für Forschung und Lehre ebenfalls an der Ruhruniversität Bochum arbeitet.

 

Darmbakterien spielen eine erhebliche Rolle bei der Entstehung von autoimmun chronisch-entzündlichen Erkrankungen

Der menschliche Darm mit seiner bakteriellen Besiedlung, dem so genannten Mikrobiom, rückt immer weiter in den Fokus der medizinischen Forschung. Insbesondere auch bei neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose. Hier mehren sich die wissenschaftlichen Hinweise dafür, dass das Mikrobiom des Darms einen erheblichen Einfluss auf die Krankheitsentstehung und den weitern Verlauf nehmen könnte. Dabei unterliegt die Interaktion, die zwischen dem Inhalt des Darms und dem ortsständigen Immunsystem stattfindet, unterschiedlichen Einflussfaktoren. Kaum ein Umweltfaktor hat sich in den letzten Jahrzehnten dabei so sehr gewandelt, wie die Ernährung in den industrialisierten Nationen.

 

Darm-Hirn-Achse

Im experimentellen Modell ist es so bei Multipler Sklerose gelungen, durch tägliche Gabe von zweimal 500 Milligramm Propionat den Schweregrad des Erkrankungsverlaufs deutlich zu mildern. Aktuell sind Wissenschaftler der neurologischen Universitätskliniken in Bochum und Erlangen diesen Zusammenhängen und dem Einfluss der Mikroflora des menschlichen Darms auf die Entstehung der Multiplen Sklerose auf der Spur.

 

Kurzkettige Fettsäuren können Entzündungsreaktionen unterdrücken

In der aktuellen Studie konnte sowohl in der Zellkulturschale als auch im experimentellen Modell gezeigt werden, dass langkettige Fettsäuren wie die Laurinsäure die Entstehung und Vermehrung von entzündlichen Zellen in der Darmwand fördern. Im Gegensatz dazu führen kurzkettige Fettsäuren, allen voran die Propionsäure (oder deren Salz Propionat) zur Entstehung und Verbreitung von regulatorischen Zellen des Immunsystems in der Darmwand. Diese können sowohl überschießende Entzündungsreaktionen als auch autoreaktive Zellen, die körpereigenes Gewebe schädigen, unterdrücken.

 

Stoffwechselprodukte der Bakterien ausschlaggebend bei der Wirkung

Keimfreiheit im Darm schadet den Erkrankten. Interessanterweise konnten diese Beobachtungen im Tierexperiment nicht gemacht werden, sobald der Darm völlig keimfrei war. Dies spricht für eine direkte Beteiligung des Mikrobioms an der Entfaltung der Fettsäure-Wirkung. Weitere Untersuchungen zeigen, dass die Effekte der Fettsäuren, wie der Propionsäure, weniger auf die einzelnen Keime des Mikrobioms zurück zu führen sind, sondern eher über Stoffwechselprodukte der Bakterien vermittelt werden.

 

Aussicht auf neue Therapien bei autoimmun chronisch-entzündlichen Erkrankungen

Heute gehen Forscher im Hinblick auf die Multiple Sklerose und andere Autoimmunerkrankungen davon aus, dass sie auf ein Ungleichgewicht zwischen den (geschwächten) regulatorischen und den autoimmun-entzündlichen Immunmechanismen zurückzuführen sind. Die überwiegende Mehrheit zugelassener Therapien für diese Indikationen zielt auf eine Schwächung beziehungsweise Blockierung der pro-entzündlichen Komponente des Immunsystems ab. Eine Stärkung der regulatorischen Komponenten, zum Beispiel mittels Propionat als Zusatz zu den etablierten Medikamenten, könnte eine bessere Therapie bedeuten.

 

Propionsäure als Nahrungsergänzungsmittel

Im Dickdarm aller menschlichen Wesen gibt es ca. 100.000 Millarden verschiedenster Bakterien. Unser gesundheitliches Gleichgewicht beruht jedoch auf ständiger und ausreichender Präsenz der Bifidusflora. Vor allem das Propionibakterium mit Bildung der Propionsäure ist das natürliche elektive und selektive Element der Bifidusflora. Ohne Propionsäure im Colon gibt es nur eine geringe Besiedelung der Bifidusflora. Die Profionifermente sind die einzigen Nahrungsbakterien, die Propionsäure bilden können.

Beispiel für ein Nahrungsergänzungsmittel: Securil® besteht aus lebenden Propionibakterien, die wegen ihrer hervorragenden verdauungsstimulierenden Wirkung ausgewählt und gefriergetrocknet wurden. Sie besitzen eine Zellkonzentration von 5 Millarden lebenden Propionibakterien pro Kapsel.

 

Erste erfolgreiche Tests mit Propionsäure bei Diabetikern lassen hoffen

Die Wissenschaftler haben noch ganz andere positive Effekte entdeckt, die durch die tägliche Gabe von 1.000 Milligramm Propionat unterstützt werden: etwa bei der Behandlung von Arterienverkalkung. “Erste Ergebnisse aus Blutuntersuchungen lassen auch hier auf positive Wirkung schließen”, sagt Professor Gold. Was die Bochumer Wissenschaftler bei ihren Untersuchungen außerdem verblüffte: Die Gabe von Natrium- bzw. Calciumpropionat trug bei Patienten mit Diabetes messbar zur Normalisierung des Blutzuckerspiegels bei. Nach Vermutung der nordrhein-westfälischen Forscher setzen die kurzkettigen Fettsäuren im Darm zwei Hormone frei, die dem Körper zum einen ein Sättigungsgefühl signalisieren und zugleich dazu beitragen, das Zuckerlevel im Blut zu reduzieren.

 

Was bewirkt Propionsäure?

Propionsäure führt zu einer günstigen Beeinflussung des Fett- und Zuckerstoffwechsel. Nehmen Menschen eine ballaststoffreiche Diät zu sich, so ändert sich nach einigen Monaten die Zusammensetzung der Bakterien im Darm und es werden mehr kurzkettige Fettsäuren gebildet. Industriell hergestellte Nahrungsmittel verhindern diesen Vorgang meist. Deshalb eignen sich die Propionsäure haltigen Nahrungsergänzungsmittel auch für Menschen, die keine autoimmun Erkrankung haben, sondern sich vorwiegend mit Fertiprodukten ernähren.

Die Epithelzellen des Dickdarms nehmen fast 90 % der kurzkettigen Fettsäuren auf und geben sie über das Pfortadersystem und die Leber an den Organismus weiter. Aktuellen Schätzungen zufolge bezieht der Mensch bis zu zehn Prozent seines täglichen Energiebedarfs über die kurzkettigen Fettsäuren. Darüber hinaus decken die Epithelien des Dickdarms über die Hälfte ihres Energiebedarfs aus kurzkettigen Fettsäuren.

Eine Reihe von Zellen haben auf ihrer Oberfläche Rezeptoren, mit denen sie kurzkettige Fettsäuren erkennen können. Über diese Rezeptoren werden Signale in das Innere der Zelle übermittelt, die das Verhalten der Zelle verändern. Interessant ist, dass diese Rezeptoren zum einen auf Zellen vorhanden sind, die mit dem Fett- und Zuckerstoffwechsel zu tun haben, und sich aber andererseits zum Beispiel auch auf Immunzellen finden

 

Was ist Propionsäure?

Propionsäure ist eine natürlich vorkommende organische Säure. Sie ist unter anderem Stoffwechselprodukt einiger Bakterienarten und gibt Emmentaler und Blauschimmelkäse ihren charakteristischen Geschmack.

Propionsäure wurde bereits 1844 entdeckt und spielte im letzten Jahrhundert angesichts oft fehlender Kühlmöglichkeiten bei der Konservierung von Brot und Käse eine Schlüsselrolle. Sowohl von der European Food Safety Authority (EFSA) wie auch von der amerikanischen Lebensmittel-Aufsichtsbehörde US Food and Drug Administration (FDA) wird der Stoff als gesundheitlich unbedenklich eingestuft.

Propionsäure wirkt gegen bestimmte Bakterien-, Hefe- und Schimmelarten. Weil sie in basischer Umgebung gegen Bakterien und Schimmel aber nicht gegen Hefen wirkt, eignet sich Propionsäure vor allem für den Einsatz in industriell hergestelltem Brot und Backwaren. Als Fettsäure wird der Stoff vom menschlichen Körper vollständig verwertet.

Propionsäure bei Multipler Sklerose

Quellen:

http://www.ardmediathek.de/tv/Visite/Wie-die-Darmflora-das-Gehirn-krank-macht/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=14049224&documentId=42882402

http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/pm2015/pm00142.html.de

Sécuril

http://www.gesundheit.com/gesundheit/krankheiten-a-z/1/propionsaeure-fuer-autoimmun-patienten